Schreibende Schüler vor PC
Heiko Kubenka
Ob Technisches Zeichnen, Mathematik oder Wirtschaftskunde: An der Theorie kommt kein Azubi vorbei. Notfalls sorgt Nachhilfe für Lernerfolge.

Mit Nachhilfe zum Gesellenbrief

Wie der Betrieb unterstützen kann

Berufsfachliche Kompetenz „ausreichend“, Wirtschaftskunde „mangelhaft“: Wenn die schulische Leistung des Azubis zu wünschen übriglässt, steht der Erfolg der Ausbildung in den Sternen. „Viele werfen dann das Handtuch oder scheitern spätestens an der Gesellenprüfung“, sagt Katja Haid, Ausbildungsbegleiterin bei der Handwerkskammer Konstanz. Genau das war im letzten Jahr gehäuft der Fall: Erstmals lag der Anteil der bestandenen Gesellenprüfungen im Bezirk der Handwerkskammer Konstanz unter 90 Prozent. Und nicht selten stellte der theoretische Teil das Haupthindernis auf dem Weg zum Abschluss dar.

Unterstützung der Agentur für Arbeit

Damit das nicht passiert, gibt es Unterstützungsangebote, die Auszubildende mit Wissensdefiziten, Lernschwierigkeiten oder Prüfungsängsten weiterhelfen. Am verbreitetsten sind die ausbildungsbegleitenden Hilfen (abH), also Nachhilfe, die von der Agentur für Arbeit genehmigt und bezahlt wird und theoretisch schon vom Start der Ausbildung an bis zur Abschlussprüfung in Anspruch genommen werden kann. Je nach Bedarf können Azubis dann ein- oder mehrfach in der Woche in kleinen Lerngruppen und unter professioneller Anleitung nacharbeiten, was sie im Unterricht nicht verstanden haben. Voraussetzung für den Erfolg: Die Azubis müssen regelmäßig und aktiv teilnehmen – und die Unterstützung sollte möglichst frühzeitig in Anspruch genommen werden.

Möglichst schon ab Tag eins der Ausbildung mit der Nachhilfe zu starten, empfiehlt Katja Haid allen Auszubildenden, die zuvor die Förderschule besucht, einen schlechten Haupt- oder Realschulabschluss (insbesondere mit schlechter Mathematiknote), keinen deutschen Schulabschluss und/oder Probleme mit dem Verstehen, Lesen und Schreiben der deutschen Sprache haben. Aber auch bei allen anderen Auszubildenden sei es zwingend notwendig, die schulische Entwicklung im Blick zu haben und gegebenenfalls einzugreifen, so die Ausbildungsexpertin. Ansetzen können Betriebe dabei an den folgenden Punkten:

In fünf Schritten zum Erfolg

1. Die Schule zum Thema machen

„Der Betrieb sollte der Schule einen Stellenwert geben, indem man darüber spricht und dem Azubi bewusstmacht: Es ist eine duale Ausbildung, es muss also auch in der Schule klappen“, sagt Katja Haid. Wer darüber auf dem Laufenden sein will, sollte das wöchentliche Durchsprechen des Berichtshefts auch zum Anlass nehmen, mehr über den Unterrichtsstoff und die Lernfortschritte zu erfahren.

Klassenarbeiten und Zeugnisse gilt es ebenfalls aufmerksam zu studieren. Wichtig: Wer ganz sicher sein möchte, dass er über den schulischen Leistungsstand informiert wird, sollte das im Lehrvertrag regeln. Denn die Unterschrift des Ausbildungsverantwortlichen auf Zeugnissen und Klassenarbeiten ist nicht verpflichtend.

2. Zeugnisse richtig lesen

Eine Eins in Religion mag löblich sein, die Gretchenfrage im Berufsschulzeugnis aber lautet: „Wie hältst Du‘s mit Wirtschaftskunde und Berufsfachlicher Kompetenz?“ Diese Fächer sind nämlich prüfungsrelevant für den Gesellenbrief – und insbesondere die „Berufsfachliche Kompetenz“ hat es in sich: Hinter der Gesamtnote kann sich je nach Gewerk von Mathematik bis Materialkunde eine Menge Stoff verbergen. Genau nachfragen lohnt sich, denn: „Was in der Schule noch als Vier durchgeht, wird in der Gesellenprüfung schnell zur Fünf“, warnt Katja Haid.

Übrigens: Für „Mitarbeit“ und „Verhalten“ reicht das Notenspektrum nur von Eins bis Vier. Eine Drei ist hier also nur bedingt befriedigend.

3. Kontakt zur Schule suchen

Um Genaueres über den schulischen Part der Ausbildung zu erfahren, reicht Nachfragen beim Azubi als einziger Quelle oft nicht aus: „Viele Jugendliche schätzen sich nicht richtig ein. Oder sie schämen sich für schlechte Noten und rücken dann mit schulischen Problemen nicht raus“, so Katja Haids Erfahrung.

Umso wichtiger sei es, von Anfang an einen direkten Draht zur Schule aufzubauen: „Ich empfehle, schon während der Probezeit mal beim Lehrer anzurufen und sich nach dessen Eindruck zu erkundigen.“ Aufdringlich würde das kein bisschen rüberkommen, ganz im Gegenteil: „Die Schulen sind normalerweise dankbar für das Interesse der Betriebe“, weiß die Expertin.

4. Nachhilfe organisieren

Stehen die Zeichen oder Noten tatsächlich schlecht, heißt es handeln und schnellstmöglich Nachhilfe organisieren. Dazu sollten sich Auszubildende – am besten mit Unterstützung des Betriebs – an die Berufsberatung der zuständigen Agentur für Arbeit wenden. Wer Bedarf sieht, sollte sich umgehend anmelden, empfiehlt Katja Haid: „Mancherorts gibt es Wartelisten. Aber spätestens nach den schulischen Abschlussprüfungen im Frühsommer werden voraussichtlich wieder Plätze frei.“

Ausbildungsbegleitende Hilfen gibt es in der Regel nur, wenn der Erfolg der Ausbildung tatsächlich auf der Kippe steht. Wer schon vorher aktiv werden will, muss die Kosten selbst tragen. Für Selbstzahler liegen sie laut Katja Haid bei rund 10 Euro pro Unterrichtseinheit.

Falls Nachhilfe im üblichen Rahmen nicht ausreicht, bietet die Arbeitsagentur auch das Modell einer Assistierten Ausbildung (AsA) mit mehr Unterrichtseinheiten und intensiverer sozialpädagogischer Begleitung an.

5. Teilnahme sicherstellen

Die von der Arbeitsagentur finanzierte Nachhilfe findet in der Regel außerhalb der Arbeitszeit statt. Die Teilnahme daran ist freiwillig. Daher können Betriebe vom Träger nicht informiert werden, ob der Azubi wirklich dabei ist. Wer auf der sicheren Seite sein will, kann zu einem kleinen Trick greifen und den Auszubildenden zumindest teilweise für die Nachhilfe freistellen: „Sobald der Unterricht oder die Fahrt zum Unterricht in der Arbeitszeit liegt, muss die Teilnahme nachgewiesen werden“, sagt Katja Haid.

Auch ansonsten sollten Ausbilder und Kollegen den Lehrling beim Aufholen möglichst gut unterstützen, indem sie beispielsweise die Nachhilfetermine bei der Arbeitsplanung berücksichtigen und sich immer wieder nach dem Stand der Dinge erkundigen. Es sei schließlich nicht schwer, sich in dessen Lage zu versetzen, meint Katja Haid: „Probleme in der Schule machen Stress. Und wer in der Freizeit nach einem langen Arbeitstag noch büffeln muss, braucht viel Zuspruch.“

 Mehr zu den Unterstützungsangeboten der Agentur für Arbeit finden Sie hier. Azubis können sich unter Tel. 0800 45555-00 informieren und einen Termin bei der Berufsberatung vereinbaren. Bei der Handwerkskammer Konstanz helfen Katja Haid und ihr Team gerne weiter.